Mein Wunder
Es war der 7. Juni 1959. Ein Sonntag mit wunderbarem Sommerwetter. Das Schwimmbad in Höchst im Odenwald war voller Menschen. Vor allem Jugendliche und Kinder genossen die Abkühlung in sauberem und kühlem Wasser. Neben uns übte die DLRG (Deutsche Lebensrettungs-Gesellschaft) für den Ernstfall …
Ein aufgeblasener Traktorreifen wurde von Jungen und Mädchen umkämpft. Alle wollten darauf sitzen und sich die Sonne auf den Rücken brennen lassen, doch der Platz reichte nicht für alle aus.
Aber es gab ja noch den Sprungturm. Zehn Meter hoch war er an seiner höchsten Plattform. Für die Mutigsten eine Herausforderung. Mit 7,50m, 5m, 3 m und 1m gab es darunter noch weitere Sprungmöglichkeiten.
Eine Woche zuvor war im Schwimmbad meines Schulorts, etwa 10 km vom hiesigen entfernt, ein schreckliches Unglück passiert: zwei Badegäste waren gleichzeitig vom Fünfmeterbrett gesprungen, der eine war auf dem Rücken des anderen gelandet. Der untere Badegast hatte dabei sein Leben verloren.
Dies alles hatte ich vor Augen, als ich auf den Sprungturm stieg. Vorsichtig zu sein war selbstverständlich. Mit Anlauf wollte ich aus 7,50m Höhe ins Becken springen. Diesmal nicht von der 10m-Plattform. Ich fühlte mich sicher und erfahren. Während ich rannte, überholte mich ein anderer Springer und war vor mir in der Luft. Voller Schrecken hielt ich mich am Geländer fest. Meine nassen Hände glitten ab. Ich stürzte auf das Dreimeterbrett. Dort überschlug ich mich und fiel mit dem Kopf voraus auf die steinerne Beckenkante. Nachdem ich ins Wasser gekippt war, holten mich Rettungsschwimmer von der DLRG wieder heraus. Diese Einzelheiten hörte ich später von Zeugen des Geschehens. Nicht nur meine Familie, das ganze Dorf war entsetzt und aufgerüttelt.
Mir verblieben nur Bruchstücke in der Erinnerung.
Mit Blaulicht und Martinshorn brachte mich der Krankenwagen in das Krankenhaus von Bad König. Man gab mir geringe Chancen zu überleben und bereitete meine Eltern darauf vor, in welchem Zustand ich erwachen könnte, wenn überhaupt. Eine Woche lang lag ich bewusstlos in einem „Sterbezimmer“, dann kam ich wieder zu mir. Ich hatte eine Gehirnquetschung und eine Hirnblutung erlitten. Die Ärzte rechneten weiterhin mit dem Schlimmsten. In Vorbereitung einer Trepanation, einer Schädelöffnung, waren mir die Haare abrasiert worden. Heute klingt das nicht mehr so dramatisch. Zu meiner Jugendzeit war das für ein Mädchen fast eine Katastrophe.
Zu aller Überraschung wachte ich vor der Operation aus der Bewusstlosigkeit wieder auf. Selbst die Tochter des Chefarztes hatte zu meiner Schwester, ihrer Klassenkameradin, gesagt: „Deine Schwester stirbt bald.“ Und nun das Wunder: Ich konnte ohne Einschränkungen sehen, hören, sprechen und aus dem Bett aufstehen. Plötzlich entdeckte ich meinen eingegipsten linken Arm. Allerdings war ich recht wackelig auf den Beinen, aber am Leben!
Drei Wochen später fingen die Sommerferien an, so dass ich nicht allzu viel Schule versäumte. Nach den Sommerferien konnte ich schon wieder zur Schule gehen.
War das nun Glück oder Zufall? War es der ärztlichen Kunst zuzuschreiben? Für mich ist und bleibt es ein Wunder. Nie wieder im Leben habe ich Gottes Gnade, Liebe und Treue so intensiv erfahren.
Ich bin dankbar für die Heilung und Rettung, die mir damals geschah – durch ein Wunder.
Gisela Kibele